Statement zum Pandaskandal

Gewissenhaft habe ich tagelang verschiedenste Meinungen eingeholt, Statements tiefenpsychologisch analysiert, das Filmmaterial immer und immer wieder angesehen und nach unterschwelliger Reizdarbietung untersucht,  bin tief in mich selbst gegangen und habe mich Erkenntnissen gestellt, mit deren Konfrontation mein Unterbewusstsein noch eine Weile zu kämpfen haben wird. Ich bin jetzt bereit, mit zerzaustem Haar doch meiner Selbst sicher, an die breite Öffentlichkeit zu treten und dem Volk zu geben, was es braucht: ein klärendes Statement, Licht im Dunkel, Hoffnung in dieser verlogenen Welt- kurz: die Wahrheit.

 

Wer keine Ahnung hat, wovon ich rede:

www.ardmediathek.de%2Fard%2Fservlet%2Fcontent%2F3517136%3FdocumentId%3D7495082&h=39f84

 

Huismann macht in seiner Dokumentation WWF eine Reihe von Vorwürfen, die den deutschen Tigerliebhaber veranlassen können seine Rewe-Glitzerkarten zu verbrennen, unter tränenreichen „WOZU DENN NOCH DAS ALLES?!?“-Rufen die Borneo-Poster von der Wand zu reißen und vor allem: die Überweisungsträger an den WWF zu zerschnipseln. Der WWF hat diese Vorwürfe netterweise alle kompakt  zusammengefasst:

http://www.wwf.de/themen/huismann-kritik-pakt-mit-dem-panda-faktencheck/der-pakt-mit-dem-panda-im-faktencheck/

 

Wie ein Politiker, der die Finger nicht vom Zimmermädchen lassen konnte, streitet der WWF alles ab. Was laut Huismann Fakt sei, sei tatsächlich falsch, nicht richtig und stimme nicht. Nein, wir unterstützen keine Gentechnik. Der Typ aus den USA, der das behauptet hätte, mei, der gehört gar nicht richtig dazu. Nein, der miese fiese Palmölkonzern Wilmar habe nie vertraglich gesichert mit dem WWF zusammengearbeitet. Die gute Frau, die sich im Video zu dieser angeblichen Zusammenarbeit äußere, sei gar nicht zuständig gewesen. Huismann sei ein ganz gemeiner Kerl, verklagt habe man ihn trotzdem nicht. Der WWF habe nämlich gar nicht nötig, Journalisten zu zensieren. Huismann sei trotzdem doof. Das sagt auch ein ganz objektiver Historiker.

So, mein lieber Panda. Mal unter uns: du weißt ja, dass ich mich mit deiner Strategie der Kompromissbereitschaft und der Veränderung des Systems aus dem System heraus viel besser identifizieren kann, als mit dem Hau-drauf-Programm von Greenpeace. Nicht jeder kann sich an Walfische ketten und sich permanent verhaften lassen. Das macht den meisten Menschen einen Knick in den Rock. Hardliner machen es sich- wie immer- schwer und leicht zugleich: man muss Idealist bis in die letzte Faser seiner Hanfunterhosen sein, um für Greenpeace zu arbeiten. Die Gehälter sind bis in die höchsten Ebenen mies, das Prestige bleibt immer noch weitgehend aus und Frau und Kinder haben daheim wirklich zu bangen, ob man von der nächsten Mission heile zurückkommt. Aber: niemand kann einem Inkonsequenz vorwerfen. Greenpeace klagt an, deckt auf, wird unbequem und nervig und würde sich niemals in Abhängigkeit von Industrie oder Politik bringen, weder finanziell noch sonst irgendwie, auch nicht wenn sie gegenseitig ist. Das steht so in der Satzung, das ist so. Nur: manche Leute wird man so nie erreichen.

Der Panda versucht es deshalb anders. Seit Jahrzehnten arbeitet der WWF mit Unternehmen und Politik zusammen, um die Interessen der Natur mit denen der Wirtschaft zu vereinbaren. Der WWF hat es geschafft, sich zu einer enorm starken Marke zu machen und so klug und engagiert weltweit zu agieren, dass man ihn beachtet und ihm vertraut. Ihn zum Partner zu haben bekam in den letzten Jahren mehr und mehr Anreizcharakter für Unternehmen, die auf die immer stärker werdende Nachfrage nach Bio- und Fairtradeprodukten reagieren wollten. In einer idealen Welt müsste der niedliche Panda seinen flauschigen Hintern bei einer solchen Partnerschaft keinen Zentimeter von seinem Ideologienpaket wegbewegen. Die Unternehmen und Länder, die sich in seinem Lichte sonnen wollten, müssten mit auf das Paket klettern. Den meisten Firmenbossen ist das zu umständlich. Surprise, surprise: Wir leben nicht in einer idealen Welt. In der realen Welt kommt es zum Greenwashing. So einen Panda auf den Fischstäbchen finden Viele inzwischen schon ganz nett. Aber der Druck der Nachfrage reicht allein nicht aus, um Firmenbosse erkennen zu lassen, dass das Brandroden die Welt irgendwie hässlicher macht, Monokulturen und Gentechnik ökologische Katastrophen-Lawinen lostreten, die vielleicht niemand mehr aufhalten kann, und es einfach fies ist aus stolzen indigenen Waldvölkern bettelarme Verlierer des Entwicklungsstrebens ihres Heimatlandes zu machen. So wurde es mit wachsender Größe der Marke „Panda“ immer gefährlicher nicht an Partner zu geraten, die vornerum „Ja!“ zu nachhaltiger Agrarwirtschaft sagen und hintenrum genauso weitermachen wie vorher.

Dass der WWF auf Huismanns Kritik damit reagiert an das Vertrauen seiner Unterstützer zu appellieren, das durch dessen Dokumentation gerade untergraben wurde, halte ich für unklug, tut mir Leid, Panda. Diese Unterstützer sind nämlich wahrscheinlich vernünftige Menschen. Warum also nicht an ihre Vernunft appellieren? Fehler wurden gemacht. Ein verantwortungsvoller investigativer Journalist, dessen Arbeiten unter anderem „Schnappschuss mit Che“ und „Lachsfieber“ heißen und der drei Mal den Grimme-Preis erhalten hat, wird sich über die fatalen Auswirkungen, die solch eine Dokumentation für eine auf Spendengelder angewiesene Organisation wie den WWF haben können, im Klaren gewesen sein. Mir war ja sogar schon klar, dass sich der Schaden schwer einschätzen lässt, den allzu großes Meckern über manche Mitarbeiter des WWFs im Internet hätte anrichten können. Huismann muss genug Dreck gefunden haben, um sich sicher zu sein, dass die Öffentlichkeit ein Recht hat, davon zu erfahren. Ich habe es schon angedeutet: manche seiner Vorwürfe und vor allem das etwas diffusere Gefühl, der WWF arbeite nicht überall effektiv, decken sich mit den Eindrücken, die ich in Madagaskar gesammelt habe. Die Reaktion auf solche Kritik könnte jetzt sein: „Danke! Eine international agierende, nicht eigennützige Riesenorganisation kämpft täglich mit der Frage, wie viel Spendengelder in die Administration fließen dürfen und müssen. Jede objektive Bewertung unserer Arbeit von Außen spart uns Kontrollmaßnahmen, die wir sonst selber leisten müssen. Anscheinend haben wir das an den von Huismann genannten Stellen versäumt oder in nicht ausreichendem Maße getan. Dafür entschuldigen wir uns bei unseren Unterstützern und wollen das, das und das tun, damit das in Zukunft nicht mehr passiert.“

Ich habe mich fast gefreut, als ich Huismanns Doku gesehen habe. Mein Gedanke war: „Es wurde höchste Zeit, dass der WWF mal ein bisschen aufräumt.“ Überrascht hat mich leider nichts. Erst das offizielle Statement des WWF bereitete mir dann doch noch Unbehagen. Ob es nur eine erste, panische Reaktion auf den drohenden „shit-storm“ der Presse war und man sich später noch vernünftiger äußern wird, wird sich zeigen. Ich bin gespannt und behalte erstmal noch meine T-shirts, Aufkleber und Überweisungsträger mit dem Panda. In dessen Namen ist nämlich so unheimlich viel Gutes passiert, dass viel mehr als ein paar unsauber zertifizierte Plantagen und fahrlässig geplanter Ökotourismus schief gehen muss, um es aufzuwiegen.

Ernährung I

Meine malagassische Freundin Myrah lässt immer den Reis anbrennen. Ich habe ewig gerätselt, woran das liegen mag. Denn sie ist eine fabelhafte Köchin und Reis ist nun mal die Grundlage- wohlgemerkt Grundlage, nicht Beilage!- jeder malagassischen Mahlzeit. Sie mochte den angebrannten Reis auch nicht, weswegen es immer an meinen anderen Weltverbesserkumpanen und mir hängen blieb, den krümeligen Bodensatz aus dem Topf zu kratzen- Wegschmeißen war uns in einer Gegend, in der jeder schon mindestens einen Verwandten an Unterernährung verloren hat, nicht möglich. Dieser Umstand war mir zuletzt der Schlüssel zur Lösung: In Regionen, die regelmäßig unter Hungersnöten leiden, werden dicke Frauen zu Statussymbolen und es wird schick, essen so zuzubereiten, dass ein Teil weggeschmissen werden muss. Kontraproduktive Veranlagung des Menschen? Weiß ich nicht. Es gibt bestimmt irgendeinen evolutionspsychologischen Ansatz, der das erklären will. Mal Jared Diamond fragen. Jedenfalls stimmt es mich missmutig, dass ein angemessenes Pendant in unserer Überflussgesellschaft nicht zu finden ist. Sollte es nicht zu dem genau gegenteiligen Verhalten kommen? Wenn alle, alle Zugriff auf billige Nahrungsmittel haben, sollte dann nicht eine Tendenz entstehen, es „cool“ zu finden, weniger zu konsumieren, nichts zu verschwenden, Qualität anstatt Quantität zu beachten und schlank zu bleiben? Okay, Letzteres- Check. Es gibt nachdenkliche Menschen (ich will nicht Forscher sagen, weil sich das kaum beweisen lässt), die behaupten, dass das Schönheitsideal „dünn“ eine sich über unsere Kultur auswirkende evolutionär begründete Gegenreaktionen auf ein populationsbedrohendes Überfetten der Gesellschaft ist. Eine solch überfettende Gesellschaft muss die psychischen Störungen Anorexie und Bulimie in Kauf nehmen, nach dem Motto: das Leiden der Wenigen, die unter dem Joch des Schönheitsideals wahnsinnig werden, rettet die große Mehrheit vor der Fettsucht. Ob das so ist, sei mal dahingestellt. Evolutionär, schnevulotionär. Aber warum dauert es so ewig und ist bisher nur im Elfenbeinturm der grünen, liberalen Akademiker, Althippies und Tante-Emma-Laden-Besitzer angekommen, dass Essen wegzuschmeißen das Allerletzte ist? Wegschmeißen an sich- brrr. Aber Essen?! Und in welchen Ausmaßen wir wegschmeißen… Denkste mal drüber nach, wenn du das nächste Mal verschimmelten Philadelphia im Kühlschrank findest.

Shoppen

Fangen wir mit einem vergleichsweise einfachen und deswegen Anlass zur Hoffnung gebendem Thema an. Meine Klamotten passen jetzt in ein Billy-Regalfach und auf fünf Hänger in Claudis Kleiderschrank.  Alles, was ich ein Jahr lang nicht getragen habe, wird peu à peu am Flohmarkt verhökert oder nach Russland geschickt. Witzigerweise ziehe ich immer noch nur ca. die Hälfte von dem, was bleibt, wirklich an- fünf T-shirts, ein Hemd, zwei Kleider, zwei Paar Jeans, eine Shorts, ein Rock, drei Strickjacken, eine Regenjacke. Und ein paar Sachen, die ich unterschlage, weil ich sie inkonsequenterweise doch noch behalten habe…

Zugegebenermaßen, Anderen (*hust* Mädels *hust*) würde es wohl schwerer fallen, eine konsumkritische Haltung zur Mode zu leben. Während die Meisten mit Vergnügen Shoppen gehen, hat der Klang dieses Wortes für mich Strafreizcharakter und mein voller Kleiderschrank hat mir immer eher entnervte Seufzer als verzückte Quietscher entlockt. Meine Mitbewohnerinnen haben mit nervösen Zuckungen im Auge reagiert als ich das Thema mal angesprochen habe. Ich bin selber nicht uneitel, ich bin nur entscheidungsunfähig. Wäre ich beim Essen-Gehen nicht meistens einem gewissen Maß an peer-pressure ausgesetzt, säße ich wahrscheinlich jedes Mal bis in die frühen Morgenstunden vor der Speisekarte ohne zu wissen, was ich denn nun will. Die durch die Ungeduld Anderer erzwungenen Entscheidungen sind dann auch wirklich nur auf Zufallsniveau zufriedenstellend. 50% meiner Essensbestellungen führen zu „Nuin!“-Momenten. Vielleicht bin ich damals auch nur Vegetarierin geworden, um mir die Auswahl einzuschränken. Blöd, dass es inzwischen so leicht geworden ist, Vegetarier zu sein. Noch ein Grund, vegan zu werden… Anderes Thema.

Jedenfalls empfinde ich es entsprechend als enorme Erleichterung die „Was zieh ich an?“-Frage einfach nach dem Ausschlussverfahren (Verschmutzungsgrad) und durch einen Blick aus dem Fenster („Brrr, Jeans” vs. “Ui, Shorts!“) zu beantworten.

Allerdings fehlen mir Tanktops. Die, die ich in Madagaskar dabei hatte, sind alle vom Handwaschen ausgelutscht, ewig weit und vor allem durchsichtig geworden. Wochenlang dachte ich, dass ich jetzt nicht mehr einfach beim Schweden um die Ecke reinmarschieren kann, um mir zwei neue Tops für fünf Euro zu holen. Meine Mutter rümpfte die Nase, der eklige Eisverkäufer glotzte mir noch unverschämter auf meinen durchsichtigen Ausschnitt und meine modebewussteren Bekannten schüttelten den Kopf ob solch empörender Indifferenz gegenüber meinem eigenen Erscheinungsbild. Ich war entschlossen doof auszusehen, wenn es mich nach Luft unter den Armen gelüstete, bis sich eine Gelegenheit ergeben würde, nach München zu fahren und dort bei meinem Lieblings-Organic-Cotton-Sweatshopfree-Dealer neuen Stoff zu besorgen. An dieser Stelle sollte auch eine schöne, gut belegte Gruselgeschichte über die Machenschaften schwedischer Kleidungsproduzenten kommen. Aber: Ich bin bei meiner Recherche nur auf Skandale von 1997 gestoßen und ansonsten vor allem auf die erfreulich transparent gestaltete „sustainability reporting“- Seite von H&M.

http://www.hm.com/de/__csr_report2011_2.nhtml

Natürlich ist das zum größten Teil green washing. Viele Punkte tun sogar ein bisschen weh, weil sie aufgeführt werden, obwohl sie doch so selbstverständlich sein sollten („85% of all hangers that were not reused in store were recycled after use“ Schön. Was habt ihr mit den übrigen 15% gemacht? Aus dem Fenster geworfen? Als Fischhaken verwendet? Das würdet ihr wahrscheinlich auch unter Recycling zählen…). Aber: Wer sich äußert, muss sich gefallen lassen, dass auch geprüft wird, ob Wort und Tat übereinstimmen. Und wer Nachhaltigkeit als Vorteil in den Wettbewerb einbringt, zwingt die Konkurrenz dazu mitzuhalten. Firmen wie Esprit, C&A und Benetton äußern sich auf ihren homepages überhaupt nicht zu ihrer Firmenethik. Auch eine Aussage. Zara äußert sich verzagt („Felle und Lederartikel stammen wirklich nur von Tieren, die auch verzehrt werden, ehrlich!“ oder so ähnlich), aber H&M hängt die Messlatte am höchsten. Schön. Das heißt, dass die die beste Trend-Analyse-Abteilung haben und es heißt natürlich nicht, dass ich guten Gewissens zehn Wegwerf-Tops bei H&M einkaufen werde. Jede Mode mitzumachen, seinen Kleiderschrank saisonal grundzuerneuern und Klamotten für nur ein einziges Event zu kaufen, ist mit höheren ethischen Ansprüchen nicht zu vereinbaren. H&Ms Verkaufsstrategie (billig viel verrücktes Zeug anbieten, für das du dich nächste Saison schon schämst, was aber nix macht, weil es eh hinten in deinem Kleiderschrank über den Winter in seine molekulare Grundstruktur zurückgefunden haben wird) gründet auf genau der Konsumhaltung, die unsere Welt in den nächsten Jahrzehnten zugrunde richten wird, wenn wir sie nicht endlich über Bord werfen. Aber: wenn ich ein Top brauche, weil`s verdammtnochmal heiß ist, kann ich das schon mal bei H&M kaufen. Und weil H&M dank Gewinn maximierender Etikett-Scan-Sofortrückmeldung extrem schnell mit der Produktion auf das Verbraucherverhalten reagiert, ist es absolut sinnvoll, die Biobaumwollprodukte zu kaufen und damit das Statement abzugeben: „Mehr davon!“. Das Prinzip hat was Gutes, auch wenn es die Produktionskette so sehr beschleunigt, dass deren Basis unter extremem Druck arbeiten muss. Es wäre mir auch lieber, wenn es einen American Apparel Shop in Erlangen gäbe. Ich mag H&M einfach nicht. Trotzdem ein schönes Beispiel, wie undurchsichtig und mythenbehaftet die Welt der Konsumgüter doch ist. Der Gesichtsausdruck der jeweiligen Verkäuferinnen, die ich bei Esprit, Benetton und Only nach den Ländern gefragt habe, in denen ihre Firmen produzieren, hat mir auch eine ganz gute Vorstellung davon vermittelt, wie viel Wert darauf gelegt wird, wenigstens den Funken einer Ahnung zu haben, woher das Zeug kommt, wofür wir unser Geld ausgeben. Besonders die überschminkte Tussi bei Benetton hat mir, nach einer eingehenden Musterung von Kopf bis Fuß und zurück, auf ganz reizend mitfühlende Art und Weise tief und ernst in die Augen gesehen und mir erklärt, dass „auch die Großen längst nicht mehr in ihren eigenen Ländern produzieren. Gucci, Versace und so, weißt du?“. Wobei das „Weißt du?“ ein „Kennst duuu? Du sprechen Mode?“ war. Missy, es ging mir nicht darum, wie zuverlässig eure Nähte halten, sondern wie viel Blut von kleinen Kinderhändchen in die frisch gepflückte Baumwolle gesickert ist, die Rohstoff für eure Schadstoff verpesteten Fummel ist. Usbekistan? Kennst duuu?

Naja. So viel zum Thema Kleidung. Ich finde, es ist immer noch viel zu schwierig schöne, bezahlbare Mode zu finden. Aber es ist alles andere als unmöglich. Kein Grund, Augen und Ohren vor dem Thema zu verschließen. Man muss nicht in Dritte-Welt-Laden-Gewändern durch die Gegend rauschen, um im wahrsten Sinne des Wortes in den Spiegel gucken zu können. Im Gegenteil, es gibt kaum einen Bereich, in dem wir „jungen Leute“ so viel Kaufkraft und Trendsetting-Macht haben. Die Nachfrage bestimmt maßgeblich das Angebot. Wenn also alle nur ein bisschen informierter und selektiver „shoppen“ würden, könnte es bald ganz einfach werden, moralisch einwandfrei „shoppen“ zu gehen. Ich tu mir mit dem Wort trotzdem schwer. Aber ja, ja, ich weiß, Konsum bedeutet ökonomische Entwicklung und die ist Basis jeglicher Wohlfahrt. Man lasse mir nur ein bisschen linksradikales Rauhbauztum.

Crashkurs “Sahries Weltanschauung”

Kultur ist per definitionem alles vom Menschen Geschaffene, im Gegensatz zu dem von ihm Unveränderten, also der Natur. Interessanterweise kommen einem viele Aspekte des täglichen Lebens, die definitiv Auswüchse der eigenen Kultur sind, so was von naturgegeben vor, dass man sie, selbst wenn man seine Worte wohlüberlegt wählt, schnell mal falscherweise als „natürlich“ bezeichnet. Beispiele? Kleidung: Gibt’s in manchen Kulturen gar nicht. Geschlechterrollen: Sind in manchen Kulturen ganz anders verteilt als hier bei uns. Essen: Warum nicht mal Raupen zum Nachtisch? Weil wir in unserer Kultur auf ein Ekelgefühl gegenüber Insekten konditioniert werden. Anderswo sind Raupen eine Delikatesse. Und in China essen sie Hunde. Können wir uns darauf einigen, dass es besser wäre unseren Kindern dieses Ekelgefühl nicht anzutrainieren, wenn absehbar werden würde, dass es in 20 Jahren nur noch Raupen zu Essen gäbe? Gut, dann komm’ ich jetzt zum Punkt.
Das Konsumverhalten der globalisierten Welt ist genau so kulturell bedingt, wie unsere Einstellung gegenüber Insekten, Schottenröcken und Frauen in Führungspositionen. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich dennoch schon öfters vernommen, wie von nicht unkluger Seite das Streben nach Eigentum, die Anhäufung von Gütern, etc. als ein „natürlicher Trieb“ des Menschen bezeichnet wurde. Das wage ich an dieser Stelle zu hinterfragen, um exemplarisch darzustellen, wie subtil Einstellungen, Werte und dadurch letztlich das Handeln der Menschen von ihrer Kultur beeinflusst werden und dabei als unveränderbar durchgehen, obwohl sie eigentlich genau das sind: veränderbare Einstellungen und Werte. Und letztlich veränderbares Verhalten.
Mein Aufenthalt in Madagaskar hat mir unendlich viel gebracht. Nicht nur eine größere Biodiversität meiner Darmflora und coole Narben. Ich habe über mich selbst Einiges gelernt. Zum Beispiel wie meine Haare aussehen, wenn ich sie über eine Woche lang nicht wasche; Oder was in meinem Kopf vorgeht, nachdem ich stundenlang Wolken angestarrt habe (nicht viel.). Die allerwichtigste Erkenntnis, die ich in Madagaskar jedoch hatte, war eindeutig, mit wie unglaublich Wenig man sehr, sehr glücklich und zufrieden leben kann.
Also warum hängen in unseren Gefilden fast alle dem Irrglauben an, Konsumgüter (also Produkte, die über ihren Grundnutzen hinaus auch Symbolcharakter haben, zum Beispiel als Status erhöhend gelten oder deren Vermarktung „Nebenwirkungen“ verspricht, wie Attraktivität, Erfolg, Selbstsicherheit, Spaß, etc., die mit dem Produkt eigentlich nichts zu tun haben. Welche Familie wurde schon mal glücklicher, weil der Sohn einen Schmunzelhasen zu Ostern bekam? Genau.) wären notwendig? Und vor allem: in einem Ausmaß notwendig, das einem nicht nur, nüchtern betrachtet, völlig verrückt vorkommen kann (riesige Häuser, fette Karren, Berge von Klamotten), sondern das diese Welt auf Dauer schlicht und einfach nicht aushalten wird? Hätte die ganze Welt Ansprüche an die Ausstattung ihres Lebens wie der Durchschnittsdeutsche sie hat, wäre auf der Welt Platz für gerade mal 2,2 Milliarden Menschen. Und jetzt kommt’s: selbst wenn alle Menschen auf der Welt leben würden wie der Durchschnittsthailänder- also auf einem mittleren Entwicklungsniveau- wäre immer noch nur Platz für 6,3 Milliarden Menschen. Konkret nimmt die Menschheit heutzutage Ressourcen von 1,3 Erdbällen in Anspruch. Hoppsa! Da haben wir ein Drittel Erde zu wenig für. Und dabei habe ich noch nicht einmal was dazu gesagt, dass für den massiven Großteil dieser Ressourcenausbeutung die 500 Millionen der reichsten Menschen der Erde ganz allein verantwortlich sind. Wenn die Inder und Chinesen zu dieser Gruppe dazu stoßen wollen- und wer maßt sich an, ihnen das zu verübeln?- dann ist ganz schnell Endegelände mit Wohlstand, Frieden und Klima.
So jetzt komme ich mal wieder runter. Wer tatsächlich Lust hat, sich mehr von der hochgradig frustrierenden Wahrheit über die Lage unserer Welt zu geben, lese bitte den Jahresbericht des Worldwatch Institute . Ich glaube ich vergraule meine Leser nur, wenn ich mit diesen bedrückenden Zahlen um mich schieße und ich schreibe diesen Blog ja, um zu zeigen, wie leicht man das ein oder andere besser machen kann. Ich bin nämlich der ehrlichen Meinung, dass Weltverbessertum nur mit der Einstellung nachhaltig sein kann, dass kleine Schritte auch Schritte sind, dass man seine Zeit verschwendet, wenn man pessimistisch die Wahnwitzigkeit des Verhaltens anderer anprangert und dass jedes noch so kleine Bemühen mehr zählt als große Versäumnisse. Selbst wenn das nicht der Realität entspricht- eine andere Einstellung führt nur zum Aufgeben und das bringt dann unter Garantie gar nichts.
Also, um auf unsere Konsumkultur zurückzukommen: Sie ist ein Phänomen, das im Mittelalter wurzelt, als es eng wurde in Europa und neue Wege der Ertragssicherung als Alternativen zur Landwirtschaft gefunden werden mussten. Der Mensch erfand den Konsumismus, um nicht zu stagnieren und er erfand die Werbung, um Verlangen zu ermanipulieren, das in keiner Relation zu unseren naturgegebenen Bedürfnissen steht. Das war ne super Sache zu einer Zeit, in der für alle genug Platz war sich auszubreiten. Nur: inzwischen täte uns ein bisschen Stagnation nicht nur ganz gut, sie ist zur absoluten Notwendigkeit geworden, wenn wir unsere Existenzberechtigung auf diesem Planeten noch ein bisschen verlängern wollen. Wer sagt denn, dass ein stabiles Null-Wachstum uns unglücklich machen würde? Es würde heißen, dass die Reichen nicht noch reicher werden würden. Irgendwas sagt mir, dass da kaum jemand was dagegen hätte. Selbst die Reichen nicht. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen (eine meiner Lieblingsphrasen, die ich hoffentlich nur spärlich in diesem Blog säen werde), dass ab einem gewissen Punkt das Anwachsen des materiellen Besitzes nicht mehr zum allgemeinen Wohlbefinden beiträgt. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass ab diesem Punkt das Verhältnis gegenläufig wird: je reicher, desto unglücklicher. Old news, sagen die Leser von Hemingway, Kästner und Co. Seit der Jahrhundertwende ist es ein zentrales Thema der Weltliteratur, uns zu zeigen, wie wenig wichtig Materielles doch ist; Wie marode die menschliche Psyche durch zu großes Erfolgsstreben (das ja nichts anderes als das Anhäufen von mehr und mehr Besitz ist) doch wird; Und wie unwichtig aller Reichtum wird, wenn auch nur einer der für das Glück limitierenden Faktoren Sicherheit, Gesundheit, soziale Eingebundenheit und Bildung wegfällt. Und trotzdem: eine Idee, die im Bewusstsein unserer Gesellschaft einfach nicht ankommen will. Weil dem von Seiten der Regierung und der Industrie kräftig entgegengewirkt wird. Und die sitzen am längeren Hebel.
Halt, nein, tun sie nicht! Die Gesellschaft, das sind wir! Aber bevor ich jetzt noch mit ähnlich großen Worten die funktionierende Demokratie mit all ihren Möglichkeiten besinge, beende ich diesen kleinen Crashkurs und fange ENDLICH an, von meinem konkreten Handeln zu berichten. Dann wird’s auch wieder witziger, versprochen.

Alles nich so einfach…

Man kann viel über die Vereinbarkeit von Idealismus und Realität grübeln. Hab ich gemacht. War nicht sehr spaßig.  Auf die Millionen Fragen, die man sich stellen muss, wenn man versucht, ethisch korrekt zu leben (Ja oder Nein? Fahrrad oder Auto? Freunde oder Uni? Freizeit oder Arbeiten? Zeitung oder Roman? Welche Zeitung?? Konfrontieren oder Schweigen? Reden oder Handeln? Wie viel Geld spenden? Was essen? Womit putzen? Wie oft Duschen? Haustier haben? Wohin Reisen? Überhaupt Reisen?? Welchen Job? Und Familie?? Selber Kinder kriegen??!!) gibt mein Gewissen folgende -freche!- Antwort:

Was gibt dir das Recht, dich an dem Wohlstand, in dem du zufällig aufgewachsen bist, einfach zu bedienen, obwohl du doch genau weißt, wie ungerecht es auf der Welt zugeht und dass du nichts davon mehr verdient hast als hungernde Kinder in Afrika? Hör auf, dich selbst zu belügen und vor allem: Hör auf das System zu nähren, das zu der himmelschreienden Ungerechtigkeit in dieser Welt geführt hat! Du Arschloch.

Mein Gewissen hat Buttons an der Lederjacke und verachtet mich dafür, dass ich es gerne bequem habe. Es möchte, dass ich meinen gesamten Besitz verkaufe, den Gewinn an die NGO meiner Wahl spende, mein Zelt vor der Uni aufschlage, vom Bildungssystem profitiere, dann in einem wohltätigen Job reüssiere, die Menschen um mich herum irritiere und ansonsten eco-footprint-frei vor mich hinvegetiere. Das ist der Weg, da gibt es nichts zu rütteln, sagt es.

Mein Problem: Ich möchte nicht. Ich liebe ein sauberes, weißes T-Shirt und eine bequeme Jeans, ich liebe Erdbeerkuchen, ich liebe es nachts  Quatsch zu machen und mich mit meinen Mitbewohnerinnen am nächsten Tag darüber tot zu lachen. Ich liebe das Gefühl, wenn die Reifen des Flugzeugs den Boden plötzlich nicht mehr berühren und man weiß, jetzt bist du nur noch für dich selbst verantwortlich, Abenteuer!!! Ich liebe es mit meinen Freunden kreuz und quer übereinander vor dem Fernseher zu liegen und gute Filme zu schauen. Ich liebe meine Neffen, ich kann nicht davon ablassen ihnen Autochens zu schenken und sie mit Eis vollzustopfen. Und ich liebe meine Mutter und meinen Vater, ich kann ihnen nicht jedes Mal wenn wir uns sehen auf den Zehen rumtrampeln und ihnen das Gefühl vermitteln, dass ihr großes Haus, ihr Mercedes, der BMW und ihr Kühlschrank Zeichen dafür sind, dass sie ihr Leben falsch geführt haben.

Und dennoch habe ich- wie irgendwo ja doch jeder- das Bedürfnis, die Welt zu verbessern. Wer sagt schon: “Die Welt zu einem schöneren, gesünderen, gerechteren, schlicht und einfach besseren Ort machen? Blumen, Vögel, Bienen und Sonnenschein? Fröhliche, friedliche Menschen?—-—-Mnäääh, lassma…”.

Allerdings habe ich als Kind des westlichen Kulturraums auch Bedürfnisse, die so überhaupt nicht mit ersterem Bedürfnis in Einklang zu bringen sind. Leider rückt dieses kleine, aufmüpfige Bedürfnis “Weltverbesserung” ganz viele andere Bedürfnisse in die Grauzone der ethischen Bedenklichkeit. Und weil unser Geist die Welt gerne in Schwarz-Weiss hält, weil sie dann leichter zu verstehen ist, wird dieses Bedürfnis schnell mal  ignoriert, weggeschoben,verdrängt. Manche schütteln es mit einem simplen Schulterzucken ab. Andere haben den in ihnen aufgekeimten Idealismus doch ein Weilchen gegossen, haben eine emotionale Beziehung zu ihm aufgebaut und verspüren ehrlichen Schmerz, wenn sie ihn im Laufe ihres Lebens immer mehr beschneiden und irgendwann vielleicht ganz fällen müssen. Die ganz, ganz große, überwältigende Mehrheit, zu der ich gehöre, schafft es jedoch, den Idealismus einfach wirklich und ehrlich zu vergessen, wenn es ans Handeln geht. Man schafft es zu reden und zu lesen und zu reden und die Fäuste gen Himmel zu schütteln und noch ein bisschen mehr zu reden und noch mehr zu lesen und beim Lesen entrüstet zu schnauben und „Also sowas!“ zu rufen und „Das kann doch nun wirklich nicht wahr sein!“ und dann aufzustehen, rauszugehen, ein paar Stunden in der Stadt zu verbummeln, sich ein von kambodianischen Kindern genähtes Hemdchen zu kaufen, den unsymphatischen Penner, der im Bushäuschen vor sich hinstöhnt, zu ignorieren, sich ein drölfmal verpacktes, hochkalorisches Irgendwas undefinierbarer Herkunft zum Abendessen reinzuziehen und sich dann friedlichst auf Baumwolle zu betten, für deren Anbau Ökosysteme dauerhaft ruiniert werden.

Hnnng. Es ist ein so mieser, fieser Gedanke, dass mein Wohlstand auf dem Leid unterprivilegierter Bevölkerungsgruppen und einer langsam, aber sicher kollabierenden Umwelt fußt. Dass hinter diesem diffusen Unwohlsein, das mein schönes Leben mir bereitet, mehr steckt als der immer noch durch meinen Bauch rumorende Parasit, den ich mir in Afrika eingefangen habe.

Sarah, komm schon. Es wird Zeit, dass du aufhörst zu reden und handelst! Wie war das noch? Das Glas ist schließlich halb voll, wenn man entschlossen ist, es weiter zu füllen, anstatt es einfach auszutrinken.

Deswegen führe ich jetzt also diesen Blog.

 

Ha. Ha.

Nein, im Ernst, der Blog ist zwar wieder nur verbalisiertes Weltverbessertum – auf Deutsch: Gelaber, das; oft verwendet mit Adjektiven wie “nerviges”, “leeres”, “penetrantes”, o.ä. – , aber hinter meinem Geschreibsel möge der ehrliche Versuch stehen, ein möglichst ethisch korrektes Leben zu führen- und dabei Teil des Systems zu bleiben. Ich kann und will nämlich nicht ohne das System. Ich wohn da.

Damit andere auch was davon haben, was ich bei meinem Selbstversuch lerne, wird jetzt also wieder geblogt. Auch zur Selbstkontrolle. Und zum Spaß.