Bitte um Widerspruch

Meine Freunde widersprechen mir zu selten. Das habe ich gerade wieder auf einem dieser Wochenendtrips feststellen müssen, die langsam so schwer zu organisieren sind, wie lösungsorientierte Gruppentherapie für Mojo Jojo und die Powerpuff Girls. Die Suche nach einem Termin, an dem mal niemand im Urlaub ist, begann in vorväterlichen Zeiten und bildete seitdem vor dem Hintergrund vorbeiziehender Beziehungen, Lebenskrisen, Studienabschlüsse, Umzüge, Geschlechtsumwandlungen und Berufswechsel die einzige Konstante in unserer Kommunikation. Und doch: kaum hatten wir es alle geschafft, uns an einem Ort zu versammeln, herrschte tagelang friedliche Einigkeit über alles und jeden.

Egal wie viel Mist ich baue, meine Freunde verstehen es oder kapitulieren zumindest äußerst wohlwollend und nur beste Absichten unterstellend vor den Rätseln, die meine Fehltritte ihnen aufgeben. Ich werde in Gesprächen als ernstzunehmende moralische Instanz behandelt und kann mir diesen verantwortungsvollen Titel nicht einmal vom Hals schaffen, indem ich relativ regelmäßig so vom Fahrrad falle,  dass ich darunter gefangen bleibe, bis mich jemand aus meiner misslichen Lage befreit (Das ist keine Metapher.). Entweder sind meine Freunde sehr dumm und halten meine Meinung wirklich für unanfechtbar oder sie legen so viel Wert auf meine Kochkünste, dass sie mich absichtlich in dem Glauben lassen, ich läge richtig. “Ganz recht, Sahrie, das stimmt natürlich, jaja. Nebenbei: ist noch was von der Guacamole da?” Ich durchschaue euch, ihr janusköpfigen Vielfraße! In Anbetracht überaus fehlgeleiteter letzter Monate bin ich der festen Überzeugung: es mangelt in meinem Leben erheblich an Kontroverse. Selbst meine Eltern sind von den Psychotricks unserer Generation so weichgekocht, dass sie nunmehr verweigern, sich zu meinem Lebensweg urteilend zu äußern. Zu groß ist die Angst, ich könnte ihnen nach entstandenem Schaden aus ihrem Statement einen Strick drehen: „Ihr habt mich zu sehr unter Druck gesetzt, etwas zu tun, was ich gar nicht wollte!“, „Ihr habt mir zu viele Freiheiten gelassen, zu tun was ich wollte, aber nicht sollte!“, „Mit eurem Verbot habt ihr mich ja quasi zur Rebellion gezwungen, so dass ich getan habe, was ich gar nicht wirklich wollte!“, usw.  Es ist dank der nunmehr hundertjährigen Tradition unserer Gesellschaft, neben dem althergebrachten Verdreschen immer idiotischere Kindererziehungsmethoden auszuprobieren, schrecklich einfach geworden, bis weit über die Zeit, in der man noch Kindergeld bekommt, hinaus elterliche Schuldgefühle zu ermanipulieren. Und was haben wir von dem Salat? Meine Eltern jedenfalls streiten sich nicht mehr mit mir, sondern haben für jeden Mist, den ich von mir gebe, dieses vermaledeite „Verständnis“ und „unterstützen mich voll und ganz“ unter der Prämisse, dass es „meine Entscheidung sein muss“. Diese Hunde!

Wenn ich versuche, die Welt zu erklären und vollmundig Maximen formuliere, widerspreche ich mir meistens so schnell und gründlich, dass man meinen könnte, eine multiple Persönlichkeit vor sich zu haben. Denn ich bin wankelmütig und bruchsicher wie ein Weizenhalm im Spätsommer. Wenn man einmal so etwas wie Konsequenz an mir entdecken kann, dann irrt man sich wahrscheinlich. Wie also soll ich mich in dieser irrsinnig komplexen Welt zurechtfinden, wenn mich einfach alle machen lassen?

Rücksichtnahme schafft nichts weiter als die diffuse Antizipation einer Erniedrigung, gegen die man sich nicht wehren kann. Also- zieht doch bitte endlich die Samthandschuhe aus! Empört euch! Verhöhnt die Hybris der sogenannten Weltverbesserer! Zerlegt mich in meine molekulare Grundstruktur! Political correctness my ass! Ihr wollt doch nicht etwa diesen verweichlichten Psychologen recht geben, die behaupten, dass Erkenntnis nur nachhaltig ist, wenn sie aus einem selbst heraus kommt? Was soll das überhaupt heißen?? Ich will oktroyierte Meinung, ich will blinden Glauben, Schwarz-Weiß-Denken und Schubladen im Kopf! Relativiert mich doch alle mal am A****!

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